Schriften zu ihren digitalen Gegenstücken bringen: Entwurf eines neuen Kurses in Schrift-Techonologien
Im Jahr 2024 arbeitete ich in Teilzeit am Institut für Digitale Humanities der Universität zu Köln, und sollte als Lehrbeauftragter während des Sommersemesters ein Seminar leiten. Ich hatte die Wahl entweder einen existierenden Kurs durchzuführen oder meinen eigenen Kurs neu zu entwerfen. Einen neuen Kurs aus dem Nichts zu erstellen war, in Anbetracht der Anforderungen an Zeit und Aufwand, zumal neben meinem anderen Teilzeitjob bei einer privaten Firma und meinem Dissertationsstudium, definitiv der schwierigere Weg, aber ich scheute mich nicht vor dieser Herausforderung. Ich war durch die Gelegenheit motiviert, meine Kenntnisse in dem Themenbereich der mir Freude macht, anzuwenden, dabei eine Menge neuer Dinge zu lernen, die es mir erleichtern würden, meinen Forschungsweg zu finden, sowie direkt selbst zu erleben, was meine Eltern und Familie seit Jahren gemacht haben — nämlich, die Kunst Wissen durch Unterrichten zu vermitteln.
Ich stamme aus der Sankethi-Gemeinschaft in Karnataka in Indien, bin dann aber für mein Masterstudium in Medieninformatik an die RWTH Aachen in Deutschland gegangen. Während der COVID-19-Pandemie (2021–2022) haben wir monatelang begeistert zusammengearbeitet, um den World Scripts Explorer (ein Open-Source-Programm zur Nutzung eigener Tastaturlayouts mit eigenen Schriftarten; Webseite) zu erstellen. Später habe ich vom Endangered Alphabets Project (Projekt für gefährdete Alphabete) erfahren und regelmäßig an dessen Treffen teilgenommen, wodurch ich die Lehrer der Odùduwà-Schrift aus Nigeria (die dort bei den Yorùbá gelehrt wird) und Angehörige der Beary-Gemeinschaft (für die Byari-Schrift) kennenlernte, die alle wünschten, ihre Schriftsysteme zu digitalisieren.

Durch diese Interaktionen verstand ich die verschiedenen Herausforderungen, auf die viele Menschen treffen, wenn es darum geht, ihre Schrift zu digitalisieren. Menschen, die das Bedürfnis haben, durch Schrift eine Identität für ihre Gemeinschaft zu schaffen, müssen Brücken zu technikaffinen Personen oder Gruppen bauen, die eine solche Gemeinschaft auf dem steinigen Weg hin zu einer für die breite Öffentlichkeit sichtbaren Schrift unterstützen können. Außerdem war es mir nicht gelungen, an irgendeiner Universität einen Kurs oder eine Übung zu finden, die eine solch ganzheitliche Perspektive auf diesen Nischenbereich bot, wie ich sie damals kennengelernt hatte. Diese Idee verfestigte sich weiter, nachdem ich Tim Brookes’ Buch „Writing Beyond Writing“ gelesen hatte. Danach stand ich vor der Entscheidung, meinen eigenen Kurs an der Universität zu entwickeln.
Über den Kurs
Dieser Kurs, „Preserve Our Shared Cultural Heritage – Recorded Data, Writing Systems, Scripts“, vermittelt den Studierenden eine Wertschätzung für das stetig wachsende Feld der Schriftsysteme, eine übergreifende Perspektive aus dem Blickwinkel der Digital Humanities (digitalen Geisteswissenschaften) und ein Verständnis dafür, wie sie mit ihren eigenen Fähigkeiten zu einer Gesellschaft mit stärkerem Zusammenhalt beitragen können. Der übungsbasierte Kurs zielt darauf ab, Wissen zu vermitteln und zu teilen sowie einen Rahmen für das Verständnis des komplexen Feldes der Schriftsysteme zu schaffen. Darüber hinaus zeigt er auf, wie Werkzeuge entwickelt oder eingesetzt werden können, um eine Schrift in ihr digitales Gegenstück zu überführen. Nachdem ich meine Idee für die Kursstruktur im Detail präsentiert hatte, wurde ich von Prof. Dr. Øyvind Eide entsprechend beauftragt. Nach der Genehmigung setzte ich sie in den Sommersemestern 2024 und 2025 in die Tat um – selbst nachdem ich nicht mehr am Institut beschäftigt war.

Der Kurs wird auf Englisch gehalten und ist fachübergreifend für Masterstudierende der Universität konzipiert. Die Studierenden erhalten die Gelegenheit, zu lernen, wie verschiedene Schriftsysteme auf einer abstrakteren Ebene funktionieren; sich mit Unicode vertraut zu machen; ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie Schriften entstehen, außer Gebrauch geraten und wiederbelebt werden; zu betrachten, wie Best Practices in die Produktentwicklung einfließen; und CARE- und FAIR-Prinzipien in ihren Arbeitsethos zu integrieren, wobei die Agile-Scrum-Methode zur Steigerung der Produktivität eingesetzt wird.
Im Verlauf einer Reihe von Sitzungen werden den Studierenden verschiedene Themen vermittelt, beginnend mit Theorie und dem nötigen Hintergrundwissen, gefolgt von einer praktischen Anwendungsphase. Zu diesen Themen gehören unter anderem:
- Erstellen einer eigenen Schriftart für ein ihnen vertrautes Schriftsystem
- Erstellen eines Tastaturlayouts für das vertraute Schriftsystem
- Programmieren mit Unicode mithilfe von JavaScript, Python, etc.
- Gruppenarbeit an bestimmten Aufgaben und Leistungsverbesserung durch Zusammenarbeit
- Digitale Bewahrung von Handschriften durch Programmierung
- Digitale Bewahrung von Handschriften durch Nutzung vorhandener Werkzeuge (z. B. eScriptorium, Transkribus, OCR4All, etc.)
- Nutzung kryptografischer Algorithmen (basierend auf Shannons Informationstheorie), um unbekannte Schriftsysteme zu entschlüsseln
- Erstellung einer Anwendung (anhand einer Vorlage) zum Transliterieren bzw. Transkribieren zwischen zwei Schriftsystemen, um die damit verbundenen Schwierigkeiten zu verstehen
Zusätzlich gibt es einige Fallbeispiele von Schriftsystemen, für die ich Werkzeuge entwickelt habe und anhand derer wir im Seminar gemeinsam versuchen, technische Lösungen für praktische Probleme zu entwickeln.
Während des Kurses sollen die Studierenden drei Aufgaben bearbeiten und einreichen: eine Schriftart für ein ihnen unbekanntes Schriftsystem, einen Vortrag oder eine Gruppendiskussion zu Themen wie Schrifterhaltung und -wiederbelebung sowie die Umsetzung eines Projekts, dessen Umfang im Verlauf festgelegt wird. Ich habe diese Aufgabenarten bewusst gewählt, um ein Gefühl der Wertschätzung zu vermitteln und die Studierenden darauf einzustimmen, wie sie sich der weiten Welt der Schriftsysteme am besten nähern können. Als Teil der Planung ihrer eigenen Projekte wurden die Studierenden gebeten, sich von der Liste der „Scripts to Encode“ (noch zu digitalisierende Schriften) auf der SEI-Webseite anregen zu lassen, um zu entscheiden, welches spezifische Schriftsystem sie bearbeiten wollen. Nach einigen zweiwöchentlichen Diskussionsrunden zwischen den Studierenden und mir wird der Umfang des Projekts vereinbart.

Studentische Projekte
Hier folgen einige der Projekte, die von den Studierenden während des Kurses erstellt wurden:
| Avoiuli – Orfeas Dialinos erstellte im Rahmen seines Projekts eine Schriftart und ein Tastaturlayout und berichtet im Folgenden über seine Arbeit und die damit verbundenen Herausforderungen: Dieses Projekt befasst sich mit der digitalen Marginalisierung von Avoiuli, einer indigenen Schrift von der Pentecost-Insel in Vanuatu, die von Viraleo Boborenvanua als Teil der Raga-Sprachbewegung entwickelt wurde. Das Hauptproblem bestand in einem gravierenden Mangel an digitaler Standardisierung: Es gab weder funktionierende Schriftarten noch Tastaturlayouts, was eine erhebliche Hürde für das Überleben der Schrift in modernen Verwaltungs- und Bildungskontexten darstellt. Dieser Mangel wird durch eine globale digitale Infrastruktur verschärft, die auf dem lateinischen Alphabet basierende Systeme bevorzugt und damit einzigartige Schriftsysteme wie Avoiuli praktisch von der digitalen Landschaft ausschließt. Die Umsetzungsphase konzentrierte sich darauf, die einzigartige, von Sandzeichnungen inspirierte Einzelstrich-Morphologie der Schrift in ein nutzbares digitales Format zu übertragen. Zu diesem Zweck wurde mit Calligraphr eine eigene Schriftart entwickelt. Dabei wurden handgezeichnete Zeichen mithilfe eines Android-Tablets und eines Eingabestifts digitalisiert, um ihren stilisierten, häufig symmetrischen Charakter zu bewahren. Anschließend wurde mithilfe von Keyman eine funktionierende Eingabemethode entwickelt, bei der die Zeichen der Schrift einem Tastaturlayout zugeordnet wurden, das sowohl mit der Raga-Sprache als auch mit Bislama kompatibel war. Die technischen Herausforderungen während der Entwicklung verdeutlichten die inhärente Komplexität der Digitalisierung indigener Schriften. Obwohl Avoiuli traditionell im Boustrophedon bzw. bidirektional geschrieben wird, stellte ich anhand der Keyman-Dokumentation fest, dass die vollständige Steuerung der Schreibrichtung beim Betriebssystem und den Anwendungsprogrammen liegt und nicht bei der Tastatursoftware selbst. Um damit umzugehen, stellt das Projekt manuell einzusetzende Unicode-Steuerzeichen und Anweisungen auf Systemebene bereit, mit denen die Anwender die Textrichtung wechseln können. Darüber hinaus wiesen die ersten Darstellungen der Schriftart visuelle Qualitätsverluste auf, die mithilfe KI-gestützter Hochskalierung gemindert wurden, um die Klarheit und Detailgenauigkeit der Glyphen zu verbessern. Auch hinsichtlich der Kompatibilität mit verschiedenen Anwendungen wurden erhebliche Unterschiede festgestellt, da bestimmte Softwareumgebungen die internen Glyphen der verwendeten Schriftart nicht erkannten. Da Keyman lediglich Unicode-Codepoints ausgibt und nicht erzwingen kann, dass eine bestimmte Schriftart in allen Anwendungen verwendet wird, bleibt die visuelle Darstellung der Schrift von der Rendering-Engine der jeweiligen Zielanwendung abhängig. Trotz dieser Einschränkungen bleibt die Tastatur in Umgebungen wie Windows Notepad voll funktionsfähig und bietet damit eine wichtige Grundlage für die Raga-Gemeinschaft, ihren sprachlichen Raum im digitalen Zeitalter zurückzugewinnen. |

| Aztekische Piktogramme — Lana Allan erstellte im Rahmen ihres Projekts eine Schriftart und ein Kodierungsverfahren und berichtet im Folgenden über ihre Arbeit und die damit verbundenen Schwierigkeiten: Als Teil meines Masterstudiums wurde ich beauftragt, einen Übungsantrag für eine derzeit noch nicht in Unicode kodierte Schrift zu schreiben. Ich wählte aztekische Piktogramme. Ich machte mich zunächst mit „Alternative graphemics, Aztec writing system as a case study towards an integrated, digitalised model of non-typographic graphemics“ (Perri et al., 2024) vertraut. Dieser Fachartikel versuchte im Grunde, dasselbe Problem anzugehen, und nach der Lektüre wurde mir die Herausforderung der vor mir liegenden Aufgabe klar. Perri et al. beschrieben aztekische Piktogramme als eine Reihe nichtlinearer Kompositbilder, was bedeutet, dass die Piktogramme nicht linear angeordnet sind, wie z. B. bei der Schreibrichtung von links nach rechts im Englischen. „Komposit“ bedeutet, dass eine einzelne Glyphe aus mehreren anderen Glyphen zusammengesetzt ist. Im Grunde hat also jede Glyphe ihre eigene Bedeutung und kann mit anderen zu etwas Neuem zusammengesetzt werden, ähnlich wie einzelne Silben zu einem Wort oder Namen zusammengesetzt werden können. Für mich war dies besonders herausfordernd. Ich habe keinerlei sprachwissenschaftliche Kenntnisse. Ich suchte also nach einem Ansatzpunkt. Emojis sind Piktogramme, die bereits in Unicode kodiert sind. Insbesondere Emoji-Sequenzen mit einem Zero Width Joiner (unsichtbare Verknüpfung) ermöglichen es, bei der Eingabe Komposit-Glyphen zu erzeugen. So ergibt z. B. ein Wolken-Emoji, das mit einem Gesichts-Emoji verbunden wird, ein Gesicht in den Wolken (😶🌫️). Ich glaubte, dies als Rahmen für die Kodierung aztekischer Glyphen verwenden zu können, und versuchte, diesen Ansatz zu erproben, indem ich eine einzelne Seite des Codex Mendoza digitalisierte. Dafür wählte ich Folio 57r, eine Szene mit Piktogrammen, die eine Geburt und die damit verbundenen Rituale darstellt. Mit Inkscape erstellte ich einzelne SVG-Dateien für jede dargestellte konzeptuelle Idee. Ich erstellte Glyphen für ein Baby, ein Becken, ein Becken mit Wasser, ein Wasserbecken auf einer Strohmatte, eine Strohmatte, eine Mutter, eine sprechende Mutter, eine Hebamme, Fußabdrücke und Maiskolben, um nur einige der insgesamt 33 Glyphen zu nennen. Mithilfe einiger digitaler Tricks gelang es mir, diese farbigen Glyphen in FontForge zu importieren und jeder einen Codepoint zuzuweisen. Zusätzlich erstellte ich ein System, um diese Glyphen mit einem Zero Width Joiner zu verbinden. Zum Beispiel konnte jede der menschlichen Figuren mit einer Sprechblase verbunden werden, um eine Version zu erzeugen, in der die betreffende Person spricht. All dies zu leisten, war für eine Studentin ohne Budget eine unglaubliche Herausforderung, aber es gelang mir, eine TTX-Datei für eine farbige Schriftart für aztekische Piktogramme sowie eine Reproduktion von Folio 57r zu erstellen! |
| Andere studentische Projekte waren: – Schriftart und Tastatur für Tai Yo – Schriftart und Tastatur für kretische Hieroglyphen – Schriftart und Webseite für Naasioi Otomaung – Webseite für mehrere Kalendersysteme – Sámi-Sprachen in kyrillischer Schrift – Kalligraphie-Webseite – griechische Minuskeln in Handschriften – Dizoleiñ ar Brezhoneg (AR-App zum Erlernen des Bretonischen) – Transliterations-Bot – Rechner für Zahlensysteme – spielerisches Erlernen des Altpersischen – koreanische Schriftsysteme – Identifizierung antiker iranischer Schriften |
Die Ergebnisse der Projekte erreichen eine Qualität, die Industriestandards nahekommt. Wenn ein Mitglied einer Sprachgemeinschaft, die eine Digitalisierung benötigt, eines der entwickelten Produkte wie eine Schriftart und/oder eine Tastatur auswählen würde, sollte dieses größtenteils verwendbar sein. Einige der Projekte benötigen noch etwas mehr Arbeit, z. B. hinsichtlich der verwendeten Bildqualität oder ästhetisch kohärenter Schriftformen; aber selbst in solchen Fällen wurde das beabsichtigte übergreifende Verständnis erreicht. Einige der Projekte haben sich definitiv mehr vorgenommen, als in der Kürze der Zeit erreichbar war, aber das Ziel, Wertschätzung zu schaffen, hat den Studierenden neue Wege eröffnet, die sie weiter erkunden können.
Abschließende Gedanken
Aus den Semestern, in denen dieser Kurs durchgeführt wurde, kann ich berichten, dass die Studierenden mit großer Begeisterung dieses neue Format eines übungsbasierten Kurses über Schriftsysteme erleben und kennenlernen. Angesichts der Tatsache, dass die Studierenden aus verschiedenen Fachrichtungen und Masterstudiengängen kommen, wurde mir klar, dass sie hoch motiviert und wissbegierig bis ins kleinste Detail waren und bereit, viele Stunden zu investieren, um ihre Ziele zu erreichen.
Ich kann somit mit Überzeugung sagen, dass mein Kurs einen kleinen Baustein zu einem akademischen Rahmen beiträgt, der es begeisterten Lernenden ermöglicht, unter Anleitung tief in die Welt der Schriftsysteme einzutauchen und daraus mit dem starken Wunsch hervorzugehen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt durch neue digitale Möglichkeiten zu stärken.
Vielen Dank für diese wunderbare Gelegenheit, meine Geschichte zu erzählen.
Wir danken Alexander Kunde für die deutsche Übersetzung dieses Beitrags.
| Vyshantha Simha ist als Anwendungsentwickler bei IBM Deutschland tätig und promoviert an der Universität zu Köln im Bereich Digital Humanities zum Thema Ontologie von Schriftsystemen. Er leitet im Sommersemester Lehrveranstaltungen für Studierende, in denen diese Schriftarten, Tastaturlayouts, Websites zur Transliteration und mehr entwickeln. Zudem war er an der Erstellung der Website „World Scripts Explorer“ beteiligt. Hier erfahren Sie mehr über seine Arbeit. |
